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Wirkmechanismen von Antidepressiva
 
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cajo



Anmeldungsdatum: 26.10.2008
Beiträge: 162

BeitragVerfasst am: 27. Dez 2016 23:41    Titel: Wirkmechanismen von Antidepressiva Antworten mit Zitat

Hallo Zusammen,

wie genau wirken Antidepressiva?

Mir ist klar, dass die meisten Antidepressiva in irgendeiner Weise die Rückaufnahme von Neurotransmitter hemmen. Nur weiß ich nicht, wie es dann weitergeht? Die postsynaptischen Rezeptoren werden stärker aktiviert und senden Aktionspotentiale weiter ins Gehirn. Wohin? Woher kommt dann der antidepressive Effekt?

Weiterhin weiß ich, dass ein zweiter Wirkmechanismus zumindest diskutiert wird: erhöhte Neurogenese durch Antidepressiva. Weiß man hier, wie das ganze auf molekularer Ebene gesteuert wird / zustande kommt?

Besten Dank im Voraus!
cajo
jörg



Anmeldungsdatum: 12.12.2010
Beiträge: 2109
Wohnort: Bückeburg

BeitragVerfasst am: 28. Dez 2016 02:48    Titel: Antworten mit Zitat

Genau, Antidepressiva sollen die Verfügbarkeit bestimmter Neurotransmitter, v.a. der Monoamine (Noradrenalin, Dopamin, Serotonin) erhöhen.
Man glaubte, festgestellt zu haben, dass v.a. mit einer mangelnden Verfügbarkeit an Serotonin Depressionen einhergehen, da Serotonin in den Empfindungen eines Menschen eine große Rolle zu spielen scheint. Die wichtigsten "Serotoninproduzenten" des eigenen Körpers sind die Nuclei Raphe, die in viele Areale der Groß- und Zwischenhirns projizieren. Einer Erhöhung der Verfügbarkeit von Serotonin wird z.B. die euphorisierende Wirkung von verschiedenen psychoaktiven Substanzen (z.B. LSD) zugeschrieben.

Diese Hypothese zur Entstehung von Depressionen muss allerdings kritisch überdacht werden. Fasst man alle Studien über depressiv Erkrankte zusammen, kann man daraus keinen Erfolg einer Therapie mit Serotoninwiederaufnahmehemmern (SSRI) ableiten. Man muss davon ausgehen, dass diese Form der Psychopharmaka bezogen auf die Depression ein Placebo ist.
Es konnte gezeigt werden, dass die statistische "Erfolgsrate" nicht signifikant ist und der kleine Unterschied, der existiert, ist genauso groß wie die statistische Nebenwirkungsquote. Daraus wurde ein interessantes Experiment abgeleitet: Man hat Patienten mit zwei unterschiedlichen Placebo-Präparaten behandelt, von denen eines spürbare Nebenwirkungen aufwies. Die Personen mit den Nebenwirkungen dachten nun, sie seien in der "Wirkstoff-Gruppe", da ein Placebo ja eigentlich keine Nebenwirkungen haben sollte und siehe, der Behandlungserfolg war genauso groß wie in der Wirkstoffgruppe mit SSRI.
Daraufhin wurden die SSRI "Superplacebo" genannt und die Placeboforschung hat eine neue Dimension erreicht: Placebos mit Nebenwirkungen wirken besser.

Wenn du mich also fragst, wie die Wiederaufnahmehemmer in Bezug auf Depressionen wirken, muss ich sagen: Gar nicht.

_________________
RNA?- just another nucleic acid?
cajo



Anmeldungsdatum: 26.10.2008
Beiträge: 162

BeitragVerfasst am: 28. Dez 2016 22:59    Titel: Antworten mit Zitat

Vielen Dank für deine interessante und ausführliche Antwort!

Ich dachte eigentlich, dass die Wirkung der Antidepressiva bei starken Depressionen belegt wäre (bei schwachen und milden Depressionen gebe ich dir Recht). Weißt du dazu noch etwas? Resultiert der positive Effekt dann primär durch die Psychotherapie?

Dann nur theoretisch zu den Effekten (bzw wie man sich es früher erklärt hat):
- Heißt das, die Serotonin-induzierten Aktionspotentiale aktivieren das Groß- und Zwischenhirn wodurch theoretisch eine antidepressiver Effekt möglich wäre? Welche Bereich genau?
- Über welche Mechanismen wäre eine erhöhte Neurogenese denkbar?

Vielen Dank im Voraus!
cajo
jörg



Anmeldungsdatum: 12.12.2010
Beiträge: 2109
Wohnort: Bückeburg

BeitragVerfasst am: 04. Jan 2017 07:16    Titel: Antworten mit Zitat

cajo hat Folgendes geschrieben:
Ich dachte eigentlich, dass die Wirkung der Antidepressiva bei starken Depressionen belegt wäre (bei schwachen und milden Depressionen gebe ich dir Recht).


Es gibt tatsächlich einige Studien, die dies zu belegen scheinen(und auch viele Leute, die das glauben, unter denen sich durchaus auch Fachleute befinden). Leider haben viele Studien, deren Daten bei der FDA hinterlegt sind die Publikationsreife (aus welchen Gründen auch immer] nicht erlangt. Warum das so ist, darüber lässt sich nur mutmaßen, zumal einige dieser Studien was das Studiendesign angeht durchaus valide sind. (alle Studien, die in den USA durchgeführt werden und mit öffentlichen Mitteln [teil]finanziert werden, müssen bei der Food and Drug Administration hinterlegt werden, auch wenn sie nicht publiziert sind).

Metaanalysen über eine große Menge valider, auch nicht publizierter Studien kamen zu dem Schluss, dass eine Wirkung nicht angenommen werden kann.

Woher der ja subjektiv empfundene positive Effekt rührt, darüber kann man nur mutmaßen, da in diesem Fall ja alle Effekte subjektiv empfunden sind und damit schwer objektivierbar.

cajo hat Folgendes geschrieben:
Welche Bereich genau?


Man geht davon aus, dass die Projektion serotoninerger Neurone in Teile der Großhirnrinde (ich glaube Frontalpol und frontotemporaler Cortex) sowie den Hippocampus die Stimmung beeinflussen. Zudem könnte für den stimmungsaufhellenden Effekt auch der Einfluss auf den Schlaf-Wach-Rhythmus durch Projektion serotoninerger Neurone in den Hypothalamus von Bedeutung sein.

cajo hat Folgendes geschrieben:
Über welche Mechanismen wäre eine erhöhte Neurogenese denkbar?


Diese Frage verstehe ich nicht so ganz...
Serotonin scheint schon in der frühen Entwicklungsphase für die Neurogenese und die hohe Plastizität des Gehirnes verantwortlich zu sein. Serotonin hat dabei einen autoregulatorischen Effekt auf die Zellen, von denen es ausgeschüttet wird sowie einen postsynaptischen regulatorischen Effekt auf die Zielzelle.
Mäuse, bei denen Serotonin "ausgeschaltet" wird, haben Defizite in der zentralen Atemregulation, eine verminderte dendritische Verzweigung mit geringer Komplexität sowie eine insgesamt geringere Neuronenzahl. An ersterem versterben die neugeborenen Mäuse zumeist. Die Serotonin-Wirkung bezüglich der Neurogenese nimmt mit zunehmendem Alter ab, man vermutet jedoch, dass im Hippocampus ein positiver Effekt durch Serotonin auf die Neurogenese auch im adulten Alter besteht.

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RNA?- just another nucleic acid?
SiKlaus



Anmeldungsdatum: 30.03.2020
Beiträge: 179

BeitragVerfasst am: 08. Jan 2021 08:18    Titel: Antworten mit Zitat

Möchtest du dich wirklich damit "zumüllen"? Ich bin gar kein Freund davon, da es meiner Meinung nach viel bessere Alternativen gibt. Schau mal nach CBD Öl bei Depressionen, dazu kann ich dir auch diesen Artikel empfehlen: https://www.hanfosan.de/blog/cbd-bei-depressionen.html
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